Die Umstellung auf Ganztagsschulen.

Veröffentlicht am 11.07.2007 in Arbeitsgemeinschaften
 

AfB- Podiumsdiskussion zum Thema Ganztagsschulen.
Qualität und entsprechende Finanzierung als Voraussetzung - Weite Teile aus Elternschaft, Lehrern und Bevölkerung stehen hinter der SPD-Forderung.

Unter den rund 100 Gästen im DAI waren diverse Schulleiter und Elternvertreter, um sich zu informieren, wann und unter welchen Bedingungen Heidelberger Schulen zu Ganztagsschulen umgebaut werden. Teilnehmer der von der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) Rhein-Neckar/Heidelberg und der SPD-Gemeinderatsfraktion initiierten Podiumsdiskussion waren der bildungspolitische Sprecher der SPD Landtagsfraktion Dr. Frank Mentrup, der Sozialbürgermeister Heidelbergs Dr. Joachim Gerner, die Fraktionsvorsitzende der SPD-Gemeinderatsfraktion Dr. Anke Schuster, der Vorsitzende des Gesamtelternbeirates Prof. Dr. Michael Bantel und der Organisationsleiter der Ernst-Bloch-Ganztagsschule Ludwigshafen Peter Keil.

Zwei Ziele: Wahlfreiheit für Eltern und bessere Zukunftschancen für Kinder
Mit der Veranstaltung wollten die Organisatoren den Wandel hin zu Ganztagsschulen unterstützen. Der Mitorganisator Martin Bujard sieht in gebundenen Ganztagsschulen, die räumlich und personell gut ausgestattet sind, zwei erhebliche Vorteile: Wahlfreiheit für Eltern und Zukunftschancen für Kinder. Zum einen können dann beide Eltern berufstätig sein und gleichzeitig ihre Kinder in guten Händen wissen. Bei einer Halbtagsschule, bei der die Kinder um 12 oder 13 Uhr bereits nach Hause kommen, ist die Wahlfreiheit zur Ausübung eines Berufes beider Elternteile eingeschränkt. Oft leiden die Frauen besonders unter diesem Umstand, einige verzichten ganz auf Berufstätigkeit oder gehen einem halbtägigen Beruf nach, der nicht selten unterhalb ihrer Qualifikation ist. Zum anderen bietet eine solche Ganztagsschule Möglichkeiten, von denen besonders die Kinder aus bildungsferneren Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund profitieren. Die berühmten Pisa-Tests haben ergeben, dass in keinem anderen vergleichbaren Land die Bildungschancen der Kinder in solch hohem Maße vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Das liegt vor allem am deutschen Halbtagsschulsystem. Gut ausgebildete und gut verdienende Eltern können die Nachteile des in Deutschland verbreiteten Halbtagsschulsystem noch kompensieren. Sie können ihren Kindern Bildungschancen durch selbst geleistete oder bezahlte Nachhilfe, durch Musikangebote oder Ähnlichem ermöglichen. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung kann das jedoch nicht und diesen Menschen werden durch das Halbtagsschulsystem nicht nur Bildungschancen, sondern auch Berufs- und Lebenschancen genommen.

Mentrup: SPD-Kampagne zum Bildungsaufbruch in Baden-Württemberg
Der Landespolitiker Mentrup stellte das Konzept zur SPD-Kampagne „Bildungsaufbruch in Baden-Württemberg“ vor. Gebundene Ganztagsschulen sind ein Teil des Konzeptes neben Kitas und dem berufsbegleitenden Lernen. Er verglich die Bildungschancen in Baden-Württemberg mit einem Lotteriespiel und betonte den Wert von Bildung als Voraussetzung für Teilhabe in einer Gesellschaft - beruflich und kulturell. Der Bildungspolitiker benannte die Forderungen der oppositionellen SPD-Fraktion im Landtag: Mehr Lehrerstellen, keine frühzeitige Separierung der Schüler, stärkere individuelle Förderung und wohnortsnahe Ganztagsschulen. Er betonte, dass Schule mehr als Vermittlung von Fachwissen sein sollte, auch soziale, musische und motorische Fähigkeiten sollten vermittelt werden. Mentrup griff die Landesregierung an, die den Ausbau von Ganztagsschulen erst durch das IZBB-Bundesprogramm der Schröder-Regierung und auch nur zögerlich in Angriff genommen habe. Außerdem kritisierte er, dass häufig nur die qualitativ schlechtere offene Ganztagsschulen angeboten werden und dass die Landesregierung zu wenig Lehrer einstelle.

Keil: Erfahrungen aus der Praxis
Der Schulorganisator Keil verdeutlichte die Vorteile der Ganztagsschule aus seiner Praxiserfahrung. Mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation gewährte er einen Einblick in seine Schule und weckte regelrecht Begeisterung. Diese Rheinland-Pfälzische Schule ist optimal ausgestattet: 110 Lehrer kommen auf 1200 Schüler, es gibt diverse Sportplätze, Schwimmhalle, Bibliothek und sogar einen beaufsichtigten Abenteuerspielplatz. Wer aus dem Vollen schöpfen kann, kann auch bessere pädagogische Konzepte verwirklichen: Jede Klasse hat zwei Tutoren (Klassenlehrer), die die Klassen sechs Jahre lang unterrichten, bei den Hausaufgaben betreuen und fördern. Durch die lange gemeinsame Zeit kennen die Lehrer auch den sozialen Hintergrund der Schüler. Es gibt mehrere Lehrerzimmer, die jeweils räumlich direkt neben dem Klassenraum liegen, so dass der Kontakt verbessert wird. Der Stundenplan ist rhythmisiert, zwischen den „harten“ Kernfächern gibt es Pausen, AGs und Zeit für Eigenarbeit. Keil betonte die Bedeutung dieser Rhythmisierung und warnte vor zwei Missverständnissen, die gelegentlich dort verbreitet seien, wo es keine oder nur halbherzige Ganztagsschulen gibt: Erstens dass Ganztagsschulen die Kinder überfordere, dies sei falsch, da es ausreichend Pausen, Spiel und Eigenarbeitsphasen gäbe und die Kinder nicht nur zum Lernen sondern auch zum Leben in die Schule kämen. Ein zweites Missverständnis sei, dass Ganztagsschulen die Kinder bis mittags unterrichten und danach nur verwahren. Diese Gefahr bestehe nur bei ungebundenen Ganztagsschulen, diese seien halbherzig, dort müsse der verbindliche Unterricht alles Fachliche abdecken, so dass in der ungebundenen Zeit nachmittags weniger gemacht werden kann und eine Rhythmisierung nicht möglich sei.

Schuster: Die Situation in Heidelberg - Land fördert meist nur offene Ganztagsschulen
Die Moderatorin der Podiumsdiskussion Schuster skizzierte kompetent die Situation der Schulen in Heidelberg. So gibt es eine Ganztagsgrundschule in Emmertsgrund, zwei Ganztagshauptschulen (Waldpark und Geschwister-Scholl) sowie die Internationale Gesamtschule Heidelberg, die für Sekundarstufe I und II ganztags ist. Ganztagsrealschulen gibt es nicht, da bisher keine Genehmigungen von Seiten des Landes dazu vorliegen. Bei den Gymnasien ist das Bild unterschiedlich: Die Privaten bieten Ganztagszüge bzw. Hausaufgabenbetreuung an. Durch G8 gibt es die Einführung einer (rudimentären) Ganztagsschule durch die Hintertür. Hierzu hat die Stadt Bistros bzw. eine Mittagstischausgabe in allen Schulen ausgebaut. Die Schüler haben hier an mehreren Tagen Nachmittagsunterricht, von einem rhythmisierten Ganztagsunterricht von Montag bis Freitag kann jedoch keine Rede sein. Geplant ist der Ausbau der Primarstufe der Internationalen Gesamtschule als zweite Grundschule zum Schuljahr 2008/2009. Der Ausbau der Heiligenbergschule zur Ganztagshauptschule wurde vom Gemeinderat beauftragt. Bei der Gregor-Mendel-Realschule und dem Helmholtz-Gymnasium steht auch ein Ausbau zur Debatte. Schuster betonte, dass nach den Leitlinien der CDU-FDP-Landesregierung ein Ausbau nur bei Schulen mit besonderem pädagogisch/sozialen Auftrag möglich sei. Die sonst vom Land nur zugelassene offene Ganztagsschule bringe nichts, da sie vom Angebot schlechter sei als das derzeitige Angebot „Pädaktiv“ der Stadt Heidelberg. „Hier versucht die Stadt zu kompensieren, was eigentlich Aufgabe der Landesregierung ist. Von Stuttgart aus geschieht zu wenig.“

Gerner: Die Stadt hilft mit Pädaktiv und Ferienbetreuung
Der Bürgermeister Gerner erläuterte die Maßnahmen der Kommune mit dem Schwerpunkt des Programms Pädaktiv mit Nachmittagsbetreuung und Ferienbetreuung. Beides würde von den Familien sehr stark nachgefragt. Die Finanzierung läuft manchmal auf allen drei politischen Ebenen. So werden die Kantinen für das Helmholtz-Gymnasium von Bundesmitteln (IZBB) und Landesmitteln finanziert. Bei der Umwandlung einer Schule zur Ganztagsschule muss der Impuls von der Schule selbst ausgehen, dann plant die Stadt gemeinsam mit der Schule und das Land Baden-Württemberg entscheidet über den Antrag und die Lehrerdeputate. Da Stuttgart meist nur die billigere (und schlechtere) offene Variante unterstützt, erhalten die Schulen oft nur eine zusätzliche Lehrer-Stunde pro Ganztagsklasse. Gerner beschrieb die Idee, die hinter gebundenen Ganztagsschulen steckt, folgendermaßen: „Die Schule muss vom Lernort zum Lebensraum werden!“

Bantel: Die Qualität ist wichtig, davon hängt die Zustimmung der Eltern ab
Als Stimme der Eltern war Prof. Bantel auf dem Podium. Die Elternbeiräte haben Ganztagsschulen insbesondere in Städten wie Heidelberg lange im Visier. Er sprach sich für gebundene Ganztagsschulen aus: „Eine gute Ganztagsschule muss verpflichtend sein. Aus Qualitätsgründen.“ Er betonte die Bedeutung der Qualität, denn davon hänge maßgeblich die Zustimmung der Eltern ab. Er wies auf eine Lehrer-Unterversorgung hin. Die Krankheitsversorgung sei nicht ausreichend und für eine Ganztagsschule seien 12 zusätzliche Lehrer-Wochenstunden nötig, das Land habe dafür jedoch nur die Hälfte vorgesehen. Dies sei halbherzig und die Ganztags-Initiative der Landesregierung nicht ehrlich. Bantel kritisierte auch die Infrastruktur. So lassen die 66 Quadratmeter kleinen Klassenzimmern nur Frontalunterricht zu und es fehlen Mehrzweckräume für Kleingruppen, AGs und Musik. Um den Eltern den „Taxi-Dienst“ zu ersparen forderte Bantel, dass Angebote der Musik- und Singschule in den Schulräumen ermöglicht werden. Auch wies er auf die Esskultur hin. So sei es wichtig, dass man den Schülern für das Essen Zeit lasse. Hier lobte er die Emmertsgrundschule und kritisierte, dass es an manchen Schulen nur 20 Minuten Esspause mittags gebe. Eine weitere Forderung Bantels war die Öffnung der Schulbezirksgrenzen, um den Eltern Wahlfreiheit zu ermöglichen.

Das Resümee der Veranstaltung hat die RNZ (7.7.07) treffend formuliert: „Das Fazit des Abends ist zweierlei: Ganztagsbetreuung ist das bessere und längst überfällige Bildungskonzept, und der schwarze Peter liegt im Stuttgarter Kultusministerium.“

 

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